In unregelmäßigen Abständen kommentiert Daniel F. Pinnow an dieser Stelle aktuelle Themen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.
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Kolumne
Die Finanzkrise ist eine Lawine unseres Systems
September 2008
Die Lawine rollt. Finanzkrise nennen es die einen, Bankenkrise die anderen. Einige nehmen sogar das Wort Weltwirtschaftskrise in den Mund. Sicher ist: die Lawine rollt. Keiner weiss, wann und wo sie endet und was sie auf ihrem Weg noch alles mit sich reissen wird. Und während wir eilig versuchen, uns und unsere Habe in Sicherheit zu bringen, wettern wir über das Finanzsystem und „die da oben“, die die Lawine ausgelöst haben.
Unserem Ärger machen wir damit Luft. Das mag im Augenblick befreien, aber unser Aufschrei kommt über fünfzehn Jahre zu spät. Denn diejenigen Erdstösse, die die ersten Steine ins Rollen brachten, waren bereits Anfang der 90er Jahre deutlich zu spüren. Die Wirtschaft florierte. Fast euphorisch begrüßte sie die Globalisierung und suchte nach Managern, die ihr gewachsen sind. Und die Managerausbildung in Europa und den USA stellte sich auf die neuen Herausforderungen ein. Der global agierende Manager erlernte Werkzeuge, um den globalen Markt zu bearbeiten. Und mit der gleichen Geschwindigkeit, mit der die Wirtschaft Rekordgewinne einfuhr, rückte bei der Auswahl von Mitarbeitern und Führungskräften zunehmend die Frage in den Vordergrund, ob der entsprechende Kandidat oder die Kandidatin über die notwendigen Werkzeuge und Analyse-Fähigkeiten verfügt, um die Gewinne noch weiter nach oben zu treiben.
Die Kehrseite: Immer weniger Unternehmenslenker stellen sich die Frage, ob der Mensch, der sich da gerade um eine Position bewirbt, dieser Position gewachsen ist, ob er sie verantwortungsvoll ausüben wird und ob er in der Lage ist, nicht nur seine Mitarbeiter mit innerer Überzeugung, Kontaktfähigkeit, Wertschätzung und Ressourcen-Orientierung zu führen, sondern vor allem sich selbst. Diese essentiellen Eigenschaften einer Führungskraft, dieses Bild des ehrbaren Kaufmanns, sind in vielen Unternehmen nicht etwa nur aus der Mode geraten, sie sind – und das gerade in der zahlenorientierten Finanzwelt – regelrecht verpönt oder werden als „Seelenblähung“ belächelt. So ist es erst einmal richtig, zu behaupten, der Fehler liege im System. Doch dieses System besteht aus Menschen. Und wie jedes System so hat sich auch unser Finanzsystem nicht per Zufall gebildet. Machthaber und Entscheidungsträger haben sich diejenigen Mitarbeiter ausgewählt, die ihre Anforderungen erfüllen. Am Ende tragen sie also immer einen Teil der Verantwortung an dieser Krise.
Doch eben nur einen Teil. Denn die Mitarbeiter wiederum und das mittlere Management haben sich entschieden, Teil dieses Systems zu werden und damit die Werte und die Haltung ihres Systems zu akzeptieren und zu leben. Sicher, ist der Mitarbeiter einmal Teil des Systems, herrscht die normative Kraft des Faktischen und es ist auf einmal extrem schwer, die Regeln des Systems zu durchbrechen. Und doch bleibt jeder für sein Handeln selbst verantwortlich. Ob ein Bänker nämlich dazu bereit ist, unter dem enormen Konkurrenzdruck der heutigen Zeit mit dem Geld seiner Kunden verantwortungsvoll und ethisch umzugehen, ist keine Frage der analytischen Ausbildung, des Systems oder des Konkurrenzdrucks, es ist eine Frage der Entscheidung.
Dass es möglich ist, diese Entscheidung zu treffen und umzusetzen, zeigen uns dieser Tage diejenigen Banken, die das Geld ihrer Kunden mit realistischen Gewinnerwartungen angelegt haben. Sie haben die Verantwortung für ihr Handeln angenommen. Und genauso wie diese Bänker tragen auch wir Kunden einen Teil der Verantwortung am Ende selbst. Denn wir sind es, die entscheiden, ob wir unser Geld einem Spekulanten anvertrauen, der uns im wahrsten Sinne des Wortes unglaubliche Gewinne verspricht, oder dem ehrbaren Kaufmann. Wenn wir es zulassen, dass unsere Gier unseren gesunden Menschenverstand ausschaltet, der nämlich durchaus erkennt, dass Gewinne über 20 Prozent nur kurzfristig zu erreichen sind, dann sind wir selbst diejenigen, die am Gipfel des Berges viele kleine Steinchen ins Rollen bringen. Daran sollten wir denken, wenn wir das nächste Mal über Lawinen und deren Auslöser lamentieren.





















